Warum ich CHEF:IN gegründet habe
Über eine Zahl, die mich nicht mehr losließ – und den Moment, in dem Beobachten nicht mehr reichte
Vier Prozent.
Das ist die Zahl, über die ich heute sprechen möchte. Vier Prozent der ausgezeichneten Köche in Deutschland sind Frauen. In einem Land, in dem über die Hälfte aller Beschäftigten im Gastgewerbe weiblich ist. Über fünfzig Prozent, dann ein Viertel, dann vier Prozent. Das ist kein Trichter. Das ist ein Sieb.
Es begann mit einem Mittagessen
Angefangen hat alles an einem Nachmittag in Ulm. Ich saß in der Edda Brasserie von Alina Meissner-Bebrout. Auf der Rückfahrt schoss mir ein Gedanke durch den Kopf: Warum gibt es eigentlich keine Watch List für diese Frauen?
Die Antwort war ernüchternd einfach: Weil sie niemand gemacht hat.
Also habe ich sie gemacht.
Was hinter der Küchentür passiert
„Die Leute nicken. Betroffene Gesichter. Und dann bestellen sie den nächsten Gang."
In den patriarchalischen Strukturen der Spitzengastronomie fördern Männer bevorzugt Männer. Köchinnen kämpfen gegen Vorurteile und erleben regelmäßig Sexismus. Alexandra Strödel, Küchenchefin aus Berlin, hat mir erzählt, dass sie seit Jahren einen großen Teil ihrer Energie dafür aufbringt, gegen geschlechterspezifische Diskriminierung und ungesunde Machtstrukturen anzuarbeiten. Das ist die Gegenwart.
Die Sätze, die ich nicht mehr hören konnte
„Frauen sind nicht tough genug." „Die wollen doch lieber Familie." „In der Patisserie sind sie besser aufgehoben." Diese Sätze begleiten mich seit über einem Jahrzehnt. Beiläufig. Als wären sie Naturgesetze.
Die Realität sieht anders aus. Julia Leitner kocht im CODA mit zwei Michelin-Sternen. Rosina Ostler im ALOIS, ebenfalls zwei Sterne. Alina Meissner-Bebrout in Ulm. Sie alle kochen auf höchstem Niveau. Sie sind erfolgreich. Punkt.
Also habe ich aufgehört zu beobachten
Im Januar 2025 ging CHEF:IN online. Die erste Plattform, die Deutschlands führende Küchenchefinnen systematisch sichtbar macht. Heute sind es 72 Frauen in fünf Watch Lists. Im September 2026 finden in Hamburg die ersten CHEF:IN Awards statt.
Es gibt sie. Sie sind da. Sie brauchen keine Erlaubnis und kein Mitleid. Sie brauchen eine Bühne.
CHEF:IN ist diese Bühne. Und wir fangen gerade erst an.