Sophia Hoffmann: "Mein Tisch ist groß genug – von den unendlichen Freuden des Gastgebens."
Sophia Hoffmann ist vegane Köchin, Autorin und Gastgeberin im HAPPA Restaurant. In ihrem neuen Buch "Mein Tisch ist groß genug" erzählt sie vom Gastgeben als Haltung. Ihre Kernbotschaft ist einfach und zugleich politisch: „Wir brauchen keine höheren Zäune, sondern längere Tische". Für Sophia ist der Tisch ein Ort, an dem alle Menschen Platz nehmen dürfen. Wo Menschen zusammen kochen, essen und ihre Esskulturen teilen, entsteht Miteinander statt Abgrenzung.
Dass dieser Tisch noch längst nicht für alle gleich offen ist, zeigt die folgende Leseprobe. Im Kapitel „Rollenbilder in der Gastronomie“ beschreibt sie, warum Profiküchen bis heute männlich dominiert sind. Sie erzählt von ihrem eigenen Weg als Quereinsteigerin ohne klassische Kochausbildung und davon, wie sie mit ihrem Team und ihrem Netzwerk Räume schafft, in denen mehr Menschen Platz am Tisch finden. Nun folgt eine Leseprobe aus dem Kapitel "Rollenbilder in der Gastronomie":
Eigentlich würde ich gern nicht mehr über dieses Thema sprechen, da ich mich schon seit so vielen Jahren damit auseinandersetze. Aber da Veränderung nur dann passiert, wenn wir Zusammenhänge verstehen und Symptomen auf den Grund gehen, letʼs talk about it.
Wenn ich auf meinen eigenen Werdegang, auf meine kulinarischen Prägungen und Stationen zurückblicke, frage ich mich natürlich, warum ich nicht viel früher in der Küche gelandet bin.
Die Antwort ist simpel: Ich hatte keine weiblichen Vorbilder, mit denen ich mich identifizieren konnte und der Branche eilte seit jeher ein sexistischer, latent menschenverachtender Ruf voraus.
Ich kann mich nicht erinnern, dass meine Eltern oder irgendjemand in meinem persönlichen Umfeld mir jemals vorgeschlagen hätte, eine Kochausbildung zu machen. Zum Glück hat sich vieles geändert seit den späten 1990er Jahren. Frauen haben sich ihren Platz in der Profiküche hart erkämpft und tun es immer noch. Ich kenne keine Frau meiner Generation, die in den 2000er oder 2010er Jahren eine klassische Ausbildung in diesem Bereich gemacht und keinen Sexismus erfahren hat. Verbale und auch körperliche Übergriffe haben sie alle erlebt. Erst sukzessive ändern sich Arbeitsumfelder, gibt es mehr Flinta* in Entscheider*innenpositionen, helfen auch Cis Männer dabei, Machtstrukturen und toxische Arbeitsumfelder abzubauen. Quereinsteigerinnen wie ich gestalten ihre eigenen Arbeitswelten, in denen sie alteingesessene Muster und Hierarchien hinterfragen.
Die Antwort, warum weiße Männer die Profiküchen im Globalen Norden dominieren, lautet: Patriarchat. Bereits im Mittelalter waren professionelle Küchen oft Teil von Zünften oder Hofstrukturen und boten Männern Karrierechancen, während Frauen der Zugang verwehrt blieb. Sie kochten zuhause im Rahmen der Care-Arbeit, Männer dominierten königliche Küchen, Militärküchen und eröffneten die ersten Gasthäuser und Restaurants. Sobald Geld, Status oder öffentliche Anerkennung ins Spiel kamen, waren diese Berufe historisch männlich geprägt.
Dabei haben Frauen schon immer in der Gastronomie gearbeitet, aber oft erfahren sie wenig Sichtbarkeit, weil sie Street Food verkaufen oder ein Catering-Unternehmen gründen. Lorbeeren bzw. Sterne bekommt man dafür selten. Ähnlich wie in anderen Berufsfeldern gibt es also auch hier eine gläserne Decke. Bis zum Mittelbau gibt es viele Frauen, aber die prestigeträchtigen und hoch bezahlten Spitzenpositionen bleiben Männern meist Männern vorbehalten. Erst langsam findet ein Umdenken in der kulturellen Wahrnehmung von Esskultur statt. »Gutes Essen« wird immer noch viel zu sehr an einer bestimmten Präsentation festgemacht, die auf gewissen Privilegien und wirtschaftlichen Ressourcen beruht. Frauen müssen immer noch hart dafür kämpfen, gesehen zu werden. Und selbst wenn sie in der Küche stehen, werden sie oft nicht anerkannt.
Eine befreundete Köchin, die viel auf Veranstaltungen gebucht wird und dort aufgrund ihrer Erfahrung und Qualifikation eine leitende Position einnimmt, berichtet, dass sie im Grunde jedes Mal, wenn sie männliche Kollegen delegiert, respektlos und herablassend behandelt wird. Wenn sie Frauen anleitet, passiert ihr das nie. Solange männliche Köche nicht akzeptieren, dass Frauen Vorgesetzte sein können, wird es keine Parität geben. Es darf nicht Aufgabe dieser Frauen alleine sein, gegen diese Widerstände zu kämpfen. Auch die Männer, die sich nicht so verhalten, müssen proaktiv Teil einer Veränderung sein. Das gilt natürlich für alle Bereiche der Gesellschaft.
Die Rolle der Gastgeberin ist heute in Restaurants und Hotels oft weiblich besetzt. Sehr häufig findet man bei Gastropaaren die Kombination: Sie managt das Restaurant, er leitet die Küche. Frauen gelten als »gut am Gast«. Nicht verwunderlich, werden sie doch von klein auf sozialisiert, sich um andere zu kümmern, für positive Stimmung zu sorgen und Konflikte mit ihren sozialen Fähigkeiten auszugleichen. Und am besten sollten sie dabei auch noch adrett aussehen. Die fesche »Wiesn«-Bedienung im tief ausgeschnittenen Dirndl hat mit dem Hooters Girl in knappen Hot Pants wahrscheinlich mehr gemein, als ihr lieb ist. Sex sells – sagt das Patriarchat. Meine Schnippelboys waren eine spielerische Reverse-Kritik, die die überzogene Objektifizierung zur Karikatur überhöhten.
In der Welt der Gastro-Auszeichnungen ist die obligatorische weibliche Gastgeberin in den letzten Jahren zum Feigenblatt der angeblich bereits erreichten Parität geworden. Egal ob bei den »Berliner Meisterköchen« oder beim »Aufsteiger des Jahres« (beide ungegendert) des »Feinschmecker«-Magazins: Frauen fehlen im Kreis der nominierten Köche oft gänzlich. Auf Nachfrage wird darauf verwiesen, dass »nach intensiver Recherche« leider keine der Auszeichnung würdigen Frauen auffindbar waren, dafür aber ja im Segment »Gastgeber*in« vertreten seien. Die Ausflucht »es gäbe einfach keine guten Frauen« ist in jeglicher Branche im Jahr 2026 eine lächerliche, peinliche Aussage, die davon zeugt, dass man sich nicht damit auseinandergesetzt hat, warum niemand gefunden wurde.
Ich persönlich habe über die Jahre eine Art »Mischkalkulation« etabliert. Das bedeutet, es gibt Räume, die ich mir nehmen möchte, und Anfragen, zu denen ich schon alleine aus diesem Grund Ja sage. Gleichzeitig sage ich auch lautstark »Nein« zu Events und Formaten, die misogyn und männlich dominiert sind. Mit einem eigenen Unternehmen und einem starken Netzwerk alternative, diverse Räume bauen, ist in meinen Augen genauso wichtig wie Bestehendes umzugestalten.
Ich habe jahrelang immer wieder mit Selbstzweifeln gerungen, weil ich keine klassische Kochausbildung absolviert habe, weil das für mich im Kontext mit pflanzlicher Küche damals absolut keinen Sinn gemacht hätte. Selbst heute ist es in Deutschland immer noch nicht möglich, den klassischen Ausbildungsweg ohne die Zubereitung tierischer Produkte in der Gesell*innenprüfung zu absolvieren.
Weil das also nicht ging, habe ich stattdessen wie eine Wilde gekocht, habe in Restaurants und Cafés gearbeitet, Praktika in einer niederbayerischen Dorfbäckerei gemacht und in einem Fine Dining Restaurant in Kopenhagen. Ich habe unzählige Überstunden geleistet, mir Fingerkuppen angeritzt und fiese Brandwunden zugezogen, die oft wochenlang nicht verheilt sind. Dies ist keine Glorifizierung eines körperlich anstrengenden Berufs, sondern die reine Wahrheit. Seit Jahren betreibe ich Kraftsport, um für diese physische Herausforderung gewappnet zu sein. Ich betrachte meine Hände, während ich diese Zeilen tippe, und sehe viele kleine Narben, die nach Arbeit aussehen. Meine Nägel sind kurz geschnitten und auf meine Finger habe ich mir die Worte »Love wins« tätowieren lassen, weil ich fest daran glaube, dass Liebe über Hass siegt. Denn Hass hat noch nie irgendwelche Probleme gelöst, er verstärkt sie nur.
Irgendwann begann ich mich zu trauen, als Berufsbezeichnung »Köchin« zu verwenden, auch ohne klassischen Abschluss. Ich kalkulierte, für wie viele Menschen ich in den ersten Jahren meiner Supper Clubs und Gastro Jobs in etwa gekocht hatte, und als ich bei mehreren Tausend angelangt war, dachte ich ganz pragmatisch: »Okay, dann bin ich jetzt wohl Köchin!« Meine Unsicherheiten versuchte ich immer aktiv zu bekämpfen. So wurde ich 2019 zu einer international angesehenen Gastro-Konferenz in Irland als Speakerin eingeladen. Weil ich so nervös war, entschied ich, genau das zum Thema zu machen. Unter dem Titel »Why I am not a trained chef« stellte ich in den Mittelpunkt, warum ich erst in meinen 30ern in diesen Beruf fand: fehlende weibliche Vorbilder, niemand in meinem sozialen Umfeld, der mich zu dieser Berufswahl ermutigte, ein schlechter Ruf, der mich abschreckte, und wenig Offenheit für rein pflanzliche Küche. Ich sprach über meine Ängste, nahm sie mir so selbst und erklärte, warum Quereinsteiger*innen wie ich für die Branche so wertvoll sind. Ich bekam viel Zuspruch und knüpfte neue Kontakte. Ehrlich und offen mit seinen eigenen Ängsten umzugehen, kann andere dazu ermutigen sich ihren Ängsten zu stellen. Ich traf immer mehr Frauen, die mich als Kolleginnen wahrnahmen und die mich inspirierten. Jede Einzelne gibt mir das Gefühl, ein vollwertiger Teil dieser Branche zu sein.
Die von den Foodjournalistinnen Denise Snieguole Wachter und Anja Wasserbäch gegründete Plattform »Chef:in« steuert dem entgegen und veröffentlich seit 2025 eine Watchlist mit Spitzenköchinnen aus der DACH-Region. Sichtbarkeit ist wichtig, denn sie motiviert. Rollenbilder schaffen Realität. Dabei geht es um viel mehr als die klassische Männer-Frauen-Parität: Auch nicht-weiße, queere und transgeschlechtliche Menschen sind viel zu wenig sichtbar.
Ich versuche deshalb, mein Team so intersektional wie möglich zu gestalten und Türen für die zu öffnen, die nach mir kommen. Das führt dazu, dass ich, ohne es zu forcieren, ein reines Flinta*-Team habe und bisher nur zwei Cis Männer als Gastköche in meiner Küche standen. Was sich für mich völlig normal anfühlt, wird von außen manchmal noch als Kuriosität wahrgenommen. Einmal fragte uns ein Gast, »ob wir eine Art Mädels-Kollektiv« wären, denn bei so vielen Weibern auf einem Haufen konnte er sich nicht vorstellen, dass es sich hier einfach um zwei Chefinnen und ein Team handelte. Ob wohl jemals bei einem mit Männern gefüllten Restaurant auf die Idee käme zu fragen »ob es sich um ein Jungs Kollektiv« handle? Wohl kaum. Ich schätze mich glücklich, ein ganzes Netzwerk an Flinta* zu haben, die selbst Gastronom*innen und Köchinnen sind. Mit denen ich mich austauschen und die ich um Rat fragen kann. Sie alle inspirieren und motivieren mich.
Besonders beeinflusst hat mich ein Ausspruch der indisch-britischen Gastronomin Asma Khan: »Privilege comes with the duty to lift others up«. Mit Privilegien geht die Pflicht einher, andere emporzuheben. Sein eigenes Privileg zu kennen und danach sein Handeln auszurichten, ist eine der wichtigsten Erkenntnisse meines Lebens.
"Mein Tisch ist groß genug - von den unendlichen Freuden des Gastgebens" von Sophia Hoffmann ist im September 2026 beim Leykam Verlag erschienen.