Asta Petrušienė
Interview — Vilnius

Nehmen wir uns die Zeit zum Genießen?

Auf der Suche nach etwas Neuem hat Asta Petrušienė nicht nur ihren Beruf gewechselt, sondern sich in Vilnius eine eigene Welt aus Brot, Desserts und kompromissloser Kreativität aufgebaut. Sie hat nicht gewartet – sie hat gewagt.

Judith Gilles
Von Julia Wulf 28. September 2026

Von Julia Wulf

Von außen erinnert das kleine Café “Desertus Klubas” eher an ein Atelier. Oder an eine der Boutiquen, von denen es im Zentrum der litauischen Hauptstadt überraschend viele gibt, oft inhabergeführt, mit traditionellem wie modernem Schmuck. Neben der Eingangstür geben zwei Schaufenster den Blick ins Innere frei: Hier hängen kleine Leinentücher und Goldkettchen zum Verkauf, dort laden Sitzecken zum Verweilen ein.

Asta Petrušienė, Cafébetreiberin, Bäckerin und Mutter, steht an ihrer Kaffeemaschine, umringt von herzhaft gefüllten Croissants und süßen Brotkreationen. Wir setzen uns ins Schaufenster. Draußen ziehen Touristen vorbei, drinnen haben wir das Treiben im Café im Blick. An den Wänden schimmern kleine, anthrazitfarbene Mosaike, die die Farben und Lichter des Raums reflektieren. Gebacken wird im Keller, der Duft steigt nach oben und mischt sich mit dem von frisch aufgebrühtem Kaffee. Auf den Tischen dampfen Eierspeisen und frisch gebackene Tomaten-Thymian-Focaccia. Ein Muss sind die mit Heidelbeeren gefüllten Teigtaschen, die Šaltanosiai – wörtlich „kalte Nasen", weil die Beeren bläulich durch den Teig schimmern.

Stadtbekannt ist die 44-Jährige zwar für ihre süßen Überraschungsboxen, in ihrem Frühstückslokal kommen aber auch Fans der herzhaften Küche auf ihre Kosten.

Du hattest einen sicheren Beruf, Kinder, Kredite und Verpflichtungen. Wann war dir klar, dass du etwas anderes willst?

Asta Petrušienė: Es kam der Moment, in dem ich mich nicht mehr glücklich fühlte. Die Arbeit machte mir nicht mehr so viel Spaß wie früher. Da wurde mir klar, dass ich etwas ändern muss. Essen war schon immer ein Teil meines Lebens. Aber wenn man nicht mehr 20 ist, ist so ein Schritt nicht einfach – man muss finanziell über die Runden kommen und einen Weg finden, die Veränderung mit dem eigenen Leben zu vereinbaren. Es war nicht einfach. Aber es war notwendig.

Du warst Food-Bloggerin, hast ein Buch geschrieben und schließlich von zu Hause aus ein Dessert-Abo gestartet. Wie hast du diesen Übergang geschafft?

Ich habe zu Hause angefangen, weil alles quasi über Nacht passiert ist. Eines Nachts bin ich gar nicht zum Schlafen gekommen. Mein Mann ist aufgewacht und hat mich völlig verwundert gefragt, was ich da mache und ob ich überhaupt schon geschlafen hätte. Und ich dachte: Das ist einfach falsch. Ich muss etwas ändern. Das war der Moment – vor etwa vier Jahren –, in dem ich beschlossen habe, mich ganz auf meine Idee zu konzentrieren.

Daraus ist ein erfolgreiches Unternehmen mit Team und Hunderten Kundinnen und Kunden geworden. Hättest du dir das damals vorstellen können?

Nein, überhaupt nicht. Ich denke nicht darüber nach, was profitabel ist oder was erfolgreich sein wird. Wenn mich etwas neugierig macht, möchte ich mich darauf einlassen und es tun. Das versuche ich bei allem umzusetzen. Ich probiere gern Neues aus und möchte nichts machen, nur weil andere es erwarten oder weil es vermeintlich erfolgreich ist.

Und warum ausgerechnet ein Dessert-Abonnement?

Ich finde das Abonnement-Prinzip interessant. Das macht sonst niemand. Es ist wie ein Spiel für neugierige Menschen, die ihren Geschmack weiterentwickeln wollen. Jeden Monat gibt es etwas anderes, und etwa dreihundert Menschen hier in Vilnius spielen mit. Das gibt mir Vertrauen und Freiheit. Gleichzeitig spüre ich die Verantwortung, jeden Monat etwas wirklich Außergewöhnliches zu kreieren.

Woher kommt deine Energie, deine Motivation?

Gute Frage. Es sind diese Momente: Ich bin Feinschmeckerin und weiß, welche Freude gutes Essen, ein gutes Dessert, ein gutes Erlebnis bereiten können. Wenn ich sehe, wie die Leute hereinkommen und das erleben, möchte ich dieses Gefühl teilen, weil ich weiß, wie großartig es ist. Mit kleinen Details versuchen wir, Qualität und Niveau unserer Speisen hochzuhalten. So entstehen Erinnerungen. Und das liebe ich.

Was würdest du Frauen sagen, die eine Idee haben, aber Angst davor, den Schritt wirklich zu wagen?

Weniger nachdenken, mehr tun. Ich glaube, der Kopf steht einem oft im Weg. Natürlich muss man stark und mutig sein. Aber man sollte sich keine Grenzen setzen, bevor man überhaupt angefangen hat. Ich hatte zum Beispiel nie das Gefühl, etwas nicht tun zu können, nur weil ich eine Frau bin. Ich kann tun, was ich will – mein Geschlecht hat damit nichts zu tun.

War das auch dein Erfolgsrezept?

Ja, ich denke schon, aber natürlich steckt noch mehr dahinter. In meiner alten Branche dachte ich, ich würde viel arbeiten. Aber nein, jetzt ist es viel – vielleicht sogar zu viel. (Lacht.) Meist sind das aber Phasen. Wenn man etwas Neues aufbaut, kostet das eben viel Zeit und Energie.

Und was passiert, wenn eine Idee nicht funktioniert?

Dann ist das eben Teil des Prozesses. (lacht.) Man muss trotzdem stark bleiben und weitergehen. Wir hatten zum Beispiel ein Abendkonzept, eine Brotbar. Sechs Monate lang habe ich sie immer wieder vorangetrieben, bis ich gemerkt habe: Wir brauchen eine Pause. Vielleicht ist es etwas für später, vielleicht war es noch zu früh. Das konnte ich vorher nicht wissen. Man muss es ausprobieren und schauen, ob man etwas durchziehen kann – oder ob man es besser lässt.

Wenn du ein großes Banner in der Stadt aufhängen könntest: Welche Botschaft sollten alle Frauen lesen?

Beim Essen braucht es eigentlich keine Worte. Wir können reden, reden, reden. Oder wir können einfach probieren – das sagt schon alles. Bei mir dreht sich alles ums Essen, denn Essen ist für mich Genuss, besonders Desserts. Und diesen Genuss können wir mehrmals am Tag erleben. Das ist doch herrlich! Ich glaube, auf meinem Banner würde ich den Menschen genau diese Frage stellen: Nutzen wir diese Möglichkeit? Es ist so einfach. Aber nehmen wir uns auch wirklich die Zeit zum Genießen?