Yuhang vor den Vorhängen des UUU
Porträt — Berlin

Yuhang Wu: „Dann redet doch lauter.“

Sechs Jahre lang hat Yuhang Wu im UUU im Wedding Gäste an einen U-förmigen Tisch geholt und sie eingeladen in ihre Kultur, auf Tellern und in Tassen. Ende dieses Jahres, einen Tag vor Weihnachten, schließt das Restaurant. Ein Gespräch über das Loslassen, die Frage, ob Fine-Dining auch ohne Anspannung funktioniert, und darüber, wie gut sich eine komplexe Esskultur auf einen Teller übersetzen lässt.

Judith Gilles
Von Judith Gilles 9. Oktober 2026

Am Nachmittag kommen die Pilze im Dorf an, die in den Bergen gesammelt wurden. Kleine Lastwagen bringen sie auf einen Markt in Yunnan, der ungefähr doppelt so groß ist wie die Markthalle Neun und auf dem es um nichts anderes geht als um Pilze: frische, getrocknete, Dutzende Sorten in Dutzenden Qualitäten. Es gibt feste Stände, an denen das ganze Jahr verkauft wird, und kleine Ecken, an denen Leute auf dem Boden sitzen und anbieten, was sie selbst gesammelt haben. Nach dem Kauf wird man meist direkt von älteren Frauen angesprochen, die das Putzen der Pilze übernehmen – ein eigener kleiner Berufszweig. Mit der sauberen Ware geht man dann in eines der umliegenden Restaurants und lässt sie sich zubereiten. Yuhang Wu hat das im September anders gemacht. Sie hat Freunde mit eigener Küche und schönem Hof gefragt, ob sie dort kochen darf, und die Gäste ihrer kulinarischen Reisegruppe selbst putzen, schneiden und braten lassen. Seit drei Wochen ist sie zurück in Berlin, es war die dritte Reise dieser Art. Und somit die letzte, die sie noch als Köchin des UUU macht.

Denn das UUU schließt. Im Herbst 2020 hat Yuhang Wu das Restaurant gemeinsam mit Partner Jonas Borchers eröffnet, nach einem Jahr Suche und Renovierung, in einer Stadt, in der viele neu eröffnen wollten und wenig Platz war. Gefunden haben sie den Raum im Wedding, wohin sie gerade gezogen waren. Was sie überzeugt hat, waren die gekachelten Wände, die dem Ort einen besonderen Charakter verliehen, und es auch jetzt noch tun. Fünf Jahre haben die beiden den Laden zu zweit gestemmt, sie ist für das Essen verantwortlich, er für den Service und die Drinks. Seit vergangenem November gehört die Konditormeisterin Alina Jakobsmeier, ehemalige Küchenchefin des pars Restaurant, fest zum Team. Ernsthaft über das Ende nachgedacht haben sie gegen Ende des vergangenen Jahres. Anfang dieses Jahres stand dann fest, dass 2026 das letzte sein wird. Keine Entscheidung über Nacht, betont Yuhang Wu, sondern eine, die sie lange abgewogen haben. Wer gut schließen will, kündigt das nicht für den nächsten Monat an.

Ob es schweren Herzens geschieht oder erleichtert? „Ich glaube, beides“, sagt Yuhang Wu. Das UUU war ihr erstes eigenes Restaurant, sie hat tolle Gäste gehabt, viel erlebt und viel gelernt. Gleichzeitig beschreibt sie eine Erschöpfung, die nicht vom Kochen kommt. Denn das Kochen liebt sie. Es sind die vielen kleinen Dinge, an die man als Betreiberin ständig denken muss, Probleme, von denen keines für sich dramatisch ist, die sich aber sammeln und müde machen. Und dann ist da noch etwas, das in den Gesprächen über das Ende gerne untergeht: Für 20 Jahre war das UUU nie gedacht.

„Wir haben uns immer sehr viel Mühe gegeben, und ich glaube, wir haben erreicht, was wir uns gewünscht haben. Wir wussten von Anfang an, dass es ein zeitbegrenztes Projekt ist.“
— Yuhang Wu

Yuhang Wu ist in Xinjiang, China, geboren und lebt seit 15 Jahren in Deutschland. Fragt man sie nach ihrem Werdegang, erzählt sie bereitwillig, aber mit einer Vorwarnung: Am Ende, sagt sie, werde oft nur der medienwirksamste Name abgetippt. Als hätte der ihr Kochen geprägt und nicht die eigene Arbeit von sechs Jahren am eigenen Herd.

Was im UUU auf den Tellern landete, hat sich mit ihr verändert. Über die Zeit haben Yuhang Wu und Jonas Borchers vieles ausprobiert: ein Pop-up mit einem befreundeten Restaurant Yuan You Tao aus Shanghai, nach ihrem Wissen das erste, das ein Lokal aus China für eine Woche nach Berlin geholt hat. Die Übergabe des Raums an andere Köche, während sie selbst eine der kulinarischen Reisen leitete. Ihr Chili-Öl, das sie auf dem Markt verkauft haben. Und die tea+treats, ein Nachmittagsformat aus fünf süßen Gängen mit Tee, entwickelt mit Alina Jakobsmeier, noch bevor sie Teil des Teams wurde. Begleitet wird das Essen im UUU von Tee und Kombucha statt Wein.

Die größte Veränderung aber war der Abschied vom Set Menü. Heute kocht Yuhang Wu à la carte, und sie erklärt das nicht als Rückzug, sondern als bewusste Lockerung. Ein Menü, sagt sie, erlaubt ihr, eigene Gedanken über viele Gänge hinweg zu erzählen, manche Gerichte funktionieren überhaupt nur in diesem Zusammenhang. Aber ein Menü braucht eine starke Struktur, und diese Struktur erzeugt Erwartung auf beiden Seiten. Die Gäste sitzen da und fragen sich, wie man das isst, welches Besteck wofür ist, ob man die Hände benutzen darf. Und die Küche muss überzeugen: „Dieser Part macht mir am wenigsten Spaß. Ich möchte nicht zu viel erklären müssen, denn einiges ist schwer zu übersetzen. Wenn 70 Prozent von dem ankommen, was ich vermitteln möchte, ist das schon viel.“Irgendwann, sagt sie, habe sie sich gefragt, ob all die Energie, die in diese Anspannung fließt, das Erlebnis eigentlich besser macht. Denn eine Geschichte, eine Haltung oder eine Küche lassen sich nie vollständig übertragen. Wer bei einem Menü jeden Gang erklärt, legt viel Gewicht auf genau diese Übertragung. Bei à la carte tritt sie zurück, und das Essen darf einfach Essen sein.

Ein unscheinbares Äußeres

Im Hinblick auf Fine-Dining-Konzepte fragt sie sich: „Definiert man es über das Essen oder über das Erlebnis?“ Der Anspruch an die Küche ist hoch, die Atmosphäre aber bewusst unprätentiös – klassisches Fine Dining wollte das UUU nie sein: kein steifes Protokoll, keine Etikette, die man erst entschlüsseln muss, keine Anspannung, die sich über den Abend legt. Im UUU sollen sie stattdessen einfach essen dürfen, mit Neugier und ohne Zwang. Yuhang Wu will die chinesische Küche in all ihrer Vielfalt nahbar machen, sie zum Anfassen und Erleben auf den Tisch bringen.

Der helle, reizarme Raum nimmt verschiedene Formen an, je nach Gästelaune und -charakter. Mal ist es eher ruhig, mal laut und ausgelassen. Höchstens 16 Menschen finden hier Platz, verteilt um den ikonischen U-förmigen Tisch, der dem Raum seine Mitte und dem UUU sein Erkennungszeichen gibt. Die Idee stammt aus China, wo man in großer Runde an einem runden Tisch isst. Für Yuhang und Jonas hatte die Form auch einen praktischen Grund: Jonas, der den Service lange allein stemmte, hat so alle Gäste im Blick. Vor allem aber lädt die Rundung dazu ein, miteinander ins Gespräch zu kommen und sich kennenzulernen, auch über die eigene Gruppe hinaus. Mal sitzen hier acht zusammen, mal sechs, vier oder zwei, manchmal noch jemand in der Mitte. Der Raum ist so in sich geschlossen, dass die Welt draußen kaum eine Rolle spielt. Wer hier sitzt, soll ganz bei Geschmack, Duft und Erlebnis sein. Ab und zu hinterlassen Gäste den Kommentar, es sei zu ruhig gewesen. Yuhang Wu lacht darüber: „Dann redet doch lauter. Es muss nicht leise sein. Es ist jeden Abend anders.“

Yuhang serviert frisch gedämpfte Dumplings

Wer verstehen will, warum ihr diese Offenheit so wichtig ist, landet wieder in Yunnan, der Region im Südwesten Chinas, in die sie seit zwei Jahren mit kleinen Gruppen reist. Dieses Jahr waren es zwei Reisen, im März und im September, zuletzt mit vier Gästen, darunter ein Paar, das schon zu Menüzeiten im UUU gegessen hat. Chinesisches Essen zu verstehen ist schwierig, sagt Yuhang Wu, selbst für Chinese:innen. Zu viele Regionen, zu viele Zutaten, zu viele Arten zu kochen. Vor Ort aber erschließt sich vieles einfacher: warum die Menschen an einem Ort so essen und anderswo ganz anders. Zwei Wochen dort bringen mehr als tausend Videos oder Bücher. Und in China isst man sowieso besser in der Gruppe; zu zweit bekommt man den Tisch kaum voll.

Die nächste Route steht schon: Im April geht es von Guangdong und Fujian — inklusive Stop bei Oolong-Teebauern — nach Jingdezhen, einer Porzellanstadt, in der man sein Koffergepäck nochmal aufstocken kann, und zum Schluss nach Shanghai. Was danach kommt, weiß Yuhang Wu ehrlich gesagt noch nicht. Jetzt jedenfalls noch nicht. Erst muss das UUU gut zu Ende gehen. Kulinarisch bleibt es bei ihr in jedem Fall. Und vielleicht wird aus all den Tipps, die Freund:innen und Gäste ihr für die eigene Reise abfragen, eines Tages etwas Gedrucktes: ein Bild von einem China jenseits von Peking und Shanghai, mit anderen Menschen, einer anderen Philosophie, einer anderen Art zu leben. Bis dahin bleiben noch ein paar Wochen am U-förmigen Tisch, an dem Fremde ins Gespräch finden, an dem es mal still ist und mal laut. Welche Runde dort heute Abend sitzt, weiß vorher niemand, auch Yuhang Wu nicht. „Das ist jeden Tag anders", sagt sie. „Und genau das ist, was es so spannend macht.”

Das UUU schließt am 23.12.2026 - wer noch hinwill, kann auf uuu-berlin.de einen Platz am runden Tisch reservieren und sich selbst ein Bild von Yuhangs Küche machen.